Page 41 - SEHTEST
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Nachwort

          Als diese Ausstellung im Jahr 2019 geplant wurde, hatte sie den Arbeitstitel
          „20/20“ – in Anspielung auf den englischen Begriff „20/20 vision“, der volle
          Sehschärfe bedeutet. Vorgesehen war die Ausstellung für das Jahr 2020 – also
          passend, was das Zahlenspiel betrifft. Dem neuen Jahr wohnte „ein Zauber
          inne“ – um Hermann Hesse zu zitieren. Der Beginn der 20er Jahre dieses Jahr-
          hunderts brachte Hoffnung auf neue Impulse, neue Ideen, neue Lösungsansätze
          für bestehende globale Fragen. Aber schon zu Beginn des Jahres wuchsen die
          Sorgen um eine mögliche Pandemie.

          Im Februar blickten wir voller Sorgen nach Italien – auch weil wir mit unserer
          Künstlerin Bean Finneran in Venedig an der ArteLaguna teilnehmen sollten. Nor-
          ditalien wurde bald abgeriegelt, die Ereignisse überschlugen sich - man ahnte,
          dass etwas Ungutes auf uns zurollt. Was bedeutete das für unsere nächste Aus-
          stellung „Sehtest“? Soll man Anfang März überhaupt Einladungskarten verschi-
          cken zu einer Vernissage, die möglicherweise kurzfristig abgesagt werden muss?

          Mit mulmigem Gefühl bauten wir die Ausstellung für die geplante Eröffnung am
          15. März auf. Am 12. März erklärt die WHO das Coronavirus zur Pandemie. Am
          13. März wurden die ersten Einschränkungen für Deutschland verabschiedet. Am
          15. März fand unsere Eröffnung ohne Ansprache, ohne Einführung statt, um so
          eine Versammlung vieler Menschen gleichzeitig in der Galerie zu vermeiden. Aber
          schon zu diesem Zeitpunkt nahm die Angst vor dem Virus zu. Es kamen im Laufe
          des dreistündigen Eröffnungsfensters nur wenige Besucher und ein Fotograf von
          der Zeitung, der von seinen wachsenden Sorgen vor Auftragsausfällen erzählte,
          sollten reihenweise Veranstaltungen abgesagt werden müssen. Und schließlich
          kam an diesem Nachmittag dann die zu erwartende Nachricht, dass das öffentli-
          che Leben, wie wir es bisher kannten, ab sofort eingeschränkt werden muss.
          So folgten Wochen des #zuhausebleiben. Mit Corona wachte man morgens auf,
          verbrachte Nachrichten über Corona lesend den Tag, schaute abends Nachrichten
          und Sondersendungen zu Corona, und ging abends ins Bett mit Corona im Kopf.

          Nun, Ende April 2020, zum Zeitpunkt dieses Textes, ist die Galerie unter Vor-
          sichtsmaßnahmen wieder für Publikum geöffnet – die Ausstellung „Sehtest“
          kann leibhaftig gesehen werden. Größer geworden sind dennoch die Sorgen: wie
          geht es weiter? Was ist mit der Wirtschaft? Und: wie geht es den Künstlern und
          Künstlerinnen, wie geht es mit der Kunst allgemein und mit dem eigenen Geschäft
          im Speziellen weiter? Fragen über Fragen.
          Inzwischen haben wir die Laufzeit der Ausstellung verlängert. Die Messe Paper
          Positions Berlin, die für Ende April geplant war, soll nun im September stattfinden
          – wer weiß, ob überhaupt noch eine Kunstmesse in diesem Jahr stattfinden wird.
          Auf jeden Fall ist der klare Blick, die „20/20 vision“ – sofern sie jemals wirklich da
          war – verschwommener denn je.
          Erika Davis-Klemm, 29. April 2020

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